Slow down

Ich werde vom Glück verfolgt. Heute sogar das zweite Mal in Folge. Scheinbar ist es doch gar nicht so schwer, sich heiratswillige versiffte Kerle zu angeln.

Ich sehe die Fragezeichen, also von vorn:

Ich hatte Feierabend und war genervt von der S-Bahn, die zwar ausnahmsweise fuhr, aber ich fand, finde und werde sie immer scheiße finden (Big ups an Herrn Grube, alle Mitverantwortlichen und Geldeinstreicher). Ich verwöhnte die anderen Fahrgäste mit meiner exzellenten und nur nicht zu leise eingestellten Auswahl an Musik, die durch meine wunderschönen weißen Sony-Kopfhörer wummerte. Da meine Weisheitszähne sich so langsam den Weg in die Freiheit erkämpfen, war ich nicht bester Laune, schon gleich gar nicht, als sich ein widerlich aussehender Widerling (mir egal, ob es doppelt ist) mir schräg gegenüber setzte. Im Gegensatz zu den anderen zwei Damen in meinem Vierer kannte ich das Prinzip der Schnappatmung sobald sich so einer nähert und wurde von seinem lieblichen Duft verschont. Er laberte die Tante links neben mir zu, die gar nicht auf sein Gesülze scharf war und dies mit nach unten gucken, ignorieren und Musik lauter drehen verdeutlichte. Ich hingegen wollte mir seine Geschichten anhören, weil er auf einmal seine komplett vernarbten Ärmchen auspackte. Ich hörte, dass er im Krieg war, daher auch die Narben. Er entblößte sein Bein und zeigte auf eine Rötung; hatte er vom Kickboxen, der Hecht.

Da es aber keinen interessierte, drehte er ein wenig frei und ging die Tante links neben mir laut an. Ich glaube, es war etwas mit „Schlampe, Hure, guck mich an, wenn ich mit dir rede…“, das typische Blabla halt. Sie flippte aus, drückte ihm einen dummen Spruch und machte sich vom Acker. Dann, man mag es kaum glauben, holte der Süße eine Flasche Korn aus einer LIDL-Tüte (Boykott den Sekten!), um diese Abfuhr schleunigst aus seinem Restgehirn zu verbannen. Er schaute in die Runde, brachte ein Prost heraus und nahm einen kräftigen Zug aus der Pulle. Ohne Deckel wollte er die Flasche in der Tüte verschwinden lassen. Da ich meine noch weißen Chucks anhatte, konnte ich es nicht riskieren, dass die Suppe über meine Schuhe läuft und sagte ihm ganz höflich: „Mach den Deckel drauf, das läuft sonst aus.“ Und das Hündchen tat, was der Meister sagt. Und zack klebte er mir am Arsch … im wahrsten Sinne des Wortes.

Es ging ganz harmlos los. Er fragte, wie er nach Ostkreuz käme, ich sagte ihm: „Hier nicht. Steig aus und nimm eine andere Bahn.“
Er fragte, in welcher Bahn er säße, ich sagte „Flughafen“. Wie was Flughafen – was er da denn solle.
Habe ihm den Vorschlag unterbreitet, sich doch ein Flugticket in die Sonne zu besorgen, hätte gehört, dass das schön sei.
Er antwortete, dass es mit mir bestimmt schön werden würde. Wären die Kotzefäden um seine Gusche nicht gewesen, ich wäre bestimmt rot angelaufen, aber die Magensäure stand mir Oberkante-Unterlippe!
Dann meinte er, er würde sich in mich verlieben, wie es denn mit mir stünde. Ich sagte nur, dass mir der Altersunterschied zu hoch sei, woraufhin er mein Alter wissen wollte. Ich sagte 17, weil es manchmal Leute abschreckt, wenn es Minderjährige sind.
Habe ihm auch verklickert, dass alles einfach eine Straftat wäre und er die nächste aussteigen solle. Er wollte ganz offensichtlich nicht, denn er redete einfach weiter. Dass ich mit dem Alter ja seine Tochter sein könne (OK) oder auch seine Mutter (HÄ). Und dann die Frage aller Fragen:

„Was würdest du tun, wenn ich dich jetzt küsse?“

Kein Gruselfilm der Welt kann mich so zusammen schrecken lassen. Diese Kotzefäden in und um seinen Bart, die meiner Meinung nach schon ein Eigenleben hatten, stierten mich an mit nicht vorhandenen Augen, aber ich fühlte mich so beobachtet von denen. Ich antwortete lieber nichts. Er fragte noch einmal mit dem Zusatz, ob ich denn die Bullen rufen würde. „MINDESTENS!“ Der Bastard erhob sich von seinem Sitz und die Fäden kamen näher und näher und näher und näher und ich war voller Panik und wartete auf das Signal „Hey, verarscht, versteckte S-Bahn-Kamera“. Zeit zu handeln: „Lass deinen Scheißarsch auf dem Sitz und komm nicht noch ein Stück näher. Das ist mein ernst, WEHE!“

Da grinst der Sack einfach. Als ich an ihm vorbei bin, um mich woanders hinzusetzen, sagt er „Hab dich nicht so“ und langt mir volle Kanne an Arsch (die Hose ist für mich gestorben). Ich hoffe, es wurde deutlich, ich habe mich verliebt. Auch als er hinterherkam, einen anderen Typen anquatschte und am Ende, nachdem der Hinweis, er habe ein Messer bei sich, kam, meinte „Also ich tu ja keiner Fliege was zu leide, aber der Kleinen würde ich gerne eine klatschen.“ Vielleicht auch gerade da – es ist um mich geschehen. Doch leider kriegt er scharfe Konkurrenz…

Am Nachmittag fuhr ich mit der S-Bahn, der Wagon war schön leer. Ich setzte mich ans eine Ende. Im Nebenvierer saßen (ich glaube es waren welche) Türken. Kam da so ein Faschist mit einem Plüschschwein und ehemals weißen Plastetüte herein. Wo setzt er sich hin? Na sicherlich, mir gegenüber, um mit diesem ekligen Schwein vor meiner Nase rumzufuchteln. Da meine Mami mir wegen der letzten Aktion nahe legte, lieber meine Gusche zu halten, weil ich mich ja sonst nicht über solche Zwischenfälle wundern müsse, lächelte ich so gut es ging und signalisierte ihm durch den Todesblick „LASS ES!“ Hat er nicht verstanden; das Schwein tänzelte mein Bein entlang, inklusive seiner Ekelhand. Ich dachte an meine Mama und setzte mich einfach einen Sitz weiter. Der Typ fand zwei neue Opfer – die Türken. Er wurde richtig ungemütlich und holte ein Messer raus. Ich fühlte mich so wohl wie nie, Auge in Auge mit einem bewaffneten Suffkopf. Er machte den Jungs klar, was er von Immigration hielt, hatte ein nervöses Lachen nach jedem Satz und zog sich um. Als ich ausstieg, quatschte er Schulkinder an. Das fand ich nicht allzu komisch und sagte, er solle sich mal lieber ruhig verhalten oder aussteigen. Ich habe keine Ahnung, was danach noch passiert ist. Vielleicht ist er ausgeflippt, hat sich dort schlafen gelegt, tanzt,…

Gibt es jetzt wirklich nur noch psychisch Kranke auf der Welt oder ist das wieder eine Erfindung der Wirtschaft, Politik, etc. damit wir uns um angemessene Zusatzversicherungen oder anderen Bla kümmern, um nicht so zu enden?

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